Freundschaftliche Rivalität
Eine Gemeinde - zwei Vereine
von Bernd Riemke
Nordwestlich von Bamberg im friedlichen Maintal nahe des 393m hohen Semberges passiert man das Ortsschild von Oberhaid. Noch vor
wenigen Jahrzehnten hat man auf beiden Seiten "die Muskeln spielen lassen", wenn es darum ging, die gesunde Rivalität zwischen den ortsansässigen Fußballclubs FC und RSC zu pflegen. Geradezu
harmonisch ist jedoch inzwischen das Miteinander beider Vereine - auch außerhalb des grünen Rasens.
Als der RSC Concordia (lateinisch: "Eintracht") Oberhaid im Jahr 1911 als "Radlerclub" ins Leben gerufen wurde, stand vor allem die körperliche
Ertüchtigung auf dem Vehikel und das Schießen an vorderster Stelle. Zu Zeiten des Nationalsozialismus stand der Verein - im Dritten Reich als konfessionell eingestuft - kurz vor dem
Zusammenbruch. Nach Kriegsende erfreute sich schließlich der Feldhandball großer Beliebtheit und der RSC, heute mit 680 eingetragenen Mitgliedern stärkster Verein in Oberhaid, erwachte zu neuer
Blüte. Erwacht war 1928 auch der zunächst konkurrierende FC Oberhaid, dem Namen nach schon ein reiner Fußballverein. Anders als beim RSC, der auch heute noch Basketball, Radfahren und Kegeln
anbietet und zudem eine eigene Theatergruppe unterhält, stand beim FC seit jeher die Jagd nach dem runden Leder im Vordergrund.
Kleine Sticheleien zu Lasten der Sportler
"Noch in den 1950er Jahren haben sich beide Vereine ziemlich beharkt, auch wenn das mit dem Sport nicht viel zu tun hatte", erinnert sich Herbert Kneier, bis 2002 über 30 Jahre lang 2. Vorsitzender des RSC. Da wurde von Seiten des "kleinen Bruders" des öfteren ein Freundschaftsspiel der Fußball-Jugend angesetzt, obwohl zeitgleich die Feldhandballer auf dem Rasenplatz auflaufen sollten. "Muskelspiele", die Ende der 1950er Jahre der Vergangenheit angehören sollten. Zu dieser Zeit erwarb der RSC nämlich das heute noch eigene Gelände und legte ein Rasenspielfeld an. Selbst dafür waren die Kapazitäten jedoch schnell ausgeschöpft. "Ende der 1960er Jahre äußerten viele Kinder unserer Mitglieder den Wunsch, Fußball zu spielen", so Kneier und da der eine, beim benachbarten FC vorhandene Sportplatz nicht ausgereicht hätte, um alle Jugendlichen dort spielen lassen zu können, legte die Gemeinde Oberhaid für den RSC einen zweiten Platz an. Die Gründung einer eigenen Fußballabteilung war die logische Folge.
Unbeschreibliche Derbystimmung in den 1990ern
"Das ganze Dorf war gespalten", so FC-Vorsitzender und derzeitiger Bürgermeister der Gemeinde Oberhaid Carsten Joneitis in Erinnerung an die Großkampftage vor mehr als 600 Zuschauern, als der RSC Oberhaid mit seiner Fußballmannschaft plötzlich eine ernstzunehmende Gefahr im eigenen Ort zu werden schien. Gesunde Zweikämpfe seien es gewesen, so Joneitis weiter, der Vergleiche ganz anderer Größenordnung nicht scheut: "Es ist wie zwischen Bayern und TSV 1860 oder Nürnberg und Fürth gewesen. Keiner wollte am nächsten Tag in der Zeitung lesen, dass man gegen den Nachbarn verloren hat." Dieses "heiße Eisen" wurde umso heißer, als der RSC Ende der 1990er Jahren drohte, dem FC den Rang abzulaufen. In der Spielzeit 1995/96 kam es am vorletzten Spieltag zum großen Aufeinandertreffen auf dem Sportplatz des RSC. Beide Vereine lagen hinter dem unangefochtenen Spitzenreiter SV Dörfleins punktgleich auf Rang 2 der Kreisklasse. 800 Zuschauer sorgten für Gänsehaut-Atmosphäre - und am Ende unter Jubel bei den Schwarz-Gelben, die mit 2:1 gewannen und zwei Wochen später über die Relegation aufstiegen, während der FC weiter in der Kreisklasse kickte. "Zwischen den Fans war die Stimmung bei diesen Spielen mitunter schon geladen - unter den Spielern jedoch nie", erinnert sich Torsteher Michael Zenk, einer der Aufstiegshelden an die glorreichen RSC-Zeiten zurück. "Da sind wir für einige Jahre ins Hintertreffen geraten", schildert Joneitis jene Zeiten, in denen FC Oberhaid sein Dasein in der Kreisklasse fristete, während Corintan, Görtler & Co in der Kreisliga erfolgreichen Fußballsport boten. Es sollte ein kurzes Zwischenhoch bleiben, denn spätestens seit dem Spieljahr 2003/04 ist die Rangordnung aus Sicht des FC wieder "zurechtgerückt". Der Fußballclub gehört zum Besten, was der Spielkreis Bamberg zu bieten hat, während der RSC in der abgelaufenen Serie zum wiederholten Mal nur knapp den Abstieg in die A-Klasse verhindern konnte. "Es hat mich gefreut, dass der RSC den Klassenerhalt geschafft hat. Wir sind alle mit Herzblut beim Fußball dabei und so gönne ich niemandem den Abstieg - erst Recht nicht dem RSC", bringt Joneitis die seit einigen Jahren auch außerhalb des grünen Rasens eingekehrte Harmonie zum Ausdruck.
Harmonie im Sinne der Jugend - gemeinsam sind wir stark
Im Jahr 2003 wurden mit der Gründung einer JFG - der neben FC und RSC auch der TSV Staffelbach angehört und in jener die Nachwuchsfußballer gemeinsam trainiert werden - die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft gestellt. "Das Ziel, die Zusammengehörigkeit zu fördern ist uns rückblickend hervorragend gelungen", spielt Joneitis nicht nur auf den sportlichen Erfolg des Jugendfußballs an. A- und B-Junioren spielen inzwischen in der Kreisliga und die einst vorhandene Rivalität ist im eigentlichen Sinne nicht mehr existent. "Wir leben in Harmonie nebeneinander. Im Nachwuchsbereich haben wir sogar Trainer aus verschiedenen Vereinen, die sich um die Jugendlichen kümmern", führt Herbert Kneier jegliche Spekulationen ad absurdum, wonach die viel zitierte "Hassliebe" immer noch in den Köpfen einiger herumschwirren sollte. "Letztlich kann man die Vereine auch gar nicht vergleichen", verweist Carsten Joneitis auf die unterschiedlichen gewachsenen Strukturen eines reinen Fußballclubs auf der einen und eines bezüglich der angebotenen Sparten in sich breit gefächerten Vereines auf der anderen Seite.
SG FC/RSC?! "Vielleicht in 30 Jahren!"
In seiner Funktion als Bürgermeister der Gemeinde ist er einfach froh, "dass viele Bürger in den Sportvereinen integriert sind". Insgesamt sind es in Oberhaid mehr als 40 ortsansässige Vereine, doch die Geschichte zwischen FC und RSC bleibt eine der besonderen Art. Wohl auch deshalb gerät Bürgermeister Joneitis über seine eigenen Gedankenspiele ins Schmunzeln: "Natürlich wäre es wünschenswert, die sportlichen Kräfte zu bündeln und vielleicht irgendwann einen Zusammenschluss zu forcieren, aber das ist mit großer Vorsicht zu genießen und sicher keine Sache für die nächsten 20 Jahre!" Bei aller Freundschaft sehen das die Mitglieder beider Vereine sicher ganz genauso, so dass sich der geneigte Fan noch auf einige "heiße Derbies" zwischen dem FC und dem RSC Oberhaid freuen darf.


